Sonntag, 24. September 2017

Bedrückende Bildersoße: ZDF legt „Klangteppich“ unter „Katastropen-Kollage“

Guten Tag!

Heddesheim/Mainz, 14. März 2011. Im ZDF-heutejournal vom 12. März 2011 zeigt die Redaktion einen „Beitrag“, der Bilder der Katastrophe in Japan aneinanderreiht – die Redaktion unterlegt diese „Katastrophen-Kollage“ mit „Easy-Listening-Musik“ von „Massive Attack“. Wenn öffentlich-rechtlicher Journalismus so weit geht, ist er am Ende seiner Möglichkeiten angekommen.

Von Hardy Prothmann

Samstagabend, 12. März 2011, Heinz Wolf liest die Kurznachrichten und die Lotto-Zahlen vor.

Am Ende einer fast einstündigen Sendung (52:45) sagt Marietta Slomka:

„Und zum Schluss dieser Sendung kehren wir natürlich nochmals nach Japan zurück. Dort beginnt bereits ein neuer Tag und es steht zu befürchten dass dieser neue Tag den Menschen in Japan weitere Schrecken bringen wird.

Im schlimmsten Fall eine Atomkatastrophe mit noch unabsehbaren Folgen. Man kann nur hoffen und beten, dass das verhindert werden kann. Auch so ist diese Nation schon geschlagen genug. Nach diesem Erdbeben, dem stärksten, das je in Japan gemessen wurde. Die Bilder dieser Katastrophe, die um die Welt gegangen sind, haben wir jetzt nochmal zusammengefasst.“

Regiegeführte Betroffenheit: Gleich folgt die "Zusammenfassung der Bilder der Katastrophe". Quelle: ZDF

Was folgt, ist eine „Katastrophen-Kollage“ mit Bildern der Zerstörung, mit fassungslosen Menschen.

Nicht besonders gut geschnitten, nicht besonders gut ausgewählt.

Einfach zusammengeklatscht.

Unter die Bildersoße rührt das ZDF noch eine „Easy-Listening-Musik“ einer Gruppe, die „Massive Attack“ heißt.

Vielleicht fand das im Sender sogar jemand „genial“ und hat sich damit für „höhere Weihen“ empfohlen.

Die Kollage beginnt mit den Explosionsbildern des AKW Fukushima und endet auch mit diesen Bildern.

Das nennt man als journalistische „Technik“ eine „Klammer“. Wie schön, wenn die auch „beklemmend“ sein darf.

Einen „Beitrag“ am Ende einer Sendung nennt man „Abbinder“ – wie schön, dass man selbst zwar niemanden verbinden muss, dafür aber abbinden darf.

"Bumm, bumm, bumm", unterlegen die Beats von "Massive Attack" die "Zusammenfassung" und das AKW explodiert zu Anfang und zu Ende des "Beitrags". Quelle: ZDF

Danach wird wieder Marietta Slomka eingeblendet. Ihr Blick ist nach unten gerichtet. Sie zögert kurz, schlägt die Augen auf, atmet. Und ist dann wieder gefasst, eben „Profi“:

„Soweit erstmal das heute-journal. Wir werden Sie über die aktuelle Entwicklung in Japan weiterhin auf dem laufenden halten.“

Kurz darauf zeigt sie so etwas wie ein zuversichtliches Lächeln: Bedrückend. Aber später geht es weiter, mit dem laufenden.

Ich bin auf diese Sendung durch Michael Oetting aufmerksam geworden. Der hat direkt im Anschluss einen Tweet geschrieben:

ZDF zeigt Katastrophenbilder aus Japan mit Musik hinterlegt? Ein Katastrophenmusikvideo? Was kommt demnächst? Popcorn beim Verkehrsunfall?! Sat Mar 12 22:39:40 2011

Von dem Tweet habe ich CARTA erfahren:

Darf man die Bilder der Katastrophe in Japan ästhetisierend zusammenschneiden? -€˜Geschmacklos-€™ und -€˜schockierend-€™, urteilt Martin Oetting.

Und darüber bin ich sehr froh.

Nicht darüber, dass ich diese erbärmlich zusammengeflickte Kollage-  sehen musste, sondern darüber, dass ich sehen konnte, was mir sonst verborgen geblieben wäre: Der Abgrund einer journalistischen Fehlleistung, die dem „Niveau“ von RTL2 oder irgendeinem anderen Verdummungskanal entspricht.

Ausgestrahlt in der „Top-Nachrichten-Sendung“ des ZDF. Anmoderiert von einer der „Top-Moderatorinnen“, die mit keiner Wimper zuckt, sondern sich über die Regie noch „betroffen“ in Szene setzen lässt.

Die Kollage der Katastrophenbilder im ZDF hat mich nicht „geschockt“ – aber ebenso fassungslos wie Martin Oetting gemacht.

Wer oder was zwingt das ZDF und das heute-journal zu solch einem Beitrag? Die Quote? Die Experimentierlust? Sollen hier neue „Spielformen“ des Fernsehjournalismus ausprobiert werden?

Was wird uns über das gebührenfinanzierte Fernsehen demnächst geboten? Etwa:

Die (eindrucksvollsten) Bilder dieser Katastrophe Kämpfe, die um die Welt gegangen sind besten Szenen, haben wir jetzt nochmal zusammengefasst exklusiv sehr beeindruckend. Wir hoffen, Ihnen gefällt die Musik zur Stimmung dieser geilen erschütternden Bilder.

Michael Oetting, denn ich nicht kenne, hat im Anschluss einen Brief an das ZDF geschrieben.

Klicken Sie für eine größere Darstellung.

Das werde ich auch tun. Hier ist der Entwurf und ich würde mich freuen, wenn möglichst viele zusammen mit mir diesen Brief unterschreiben, als eine Art „bürgerschaftlicher Hilfe“, um solche redaktionelle Katastrophen in Zukunft zu verhindern.

An
ZDF-heutejournal, Herrn Claus Kleber
ZDF-Chefredaktion
ZDF-Intendanz
ZDF-Fernsehrat

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich richte eine Programmbeschwerde gegen den ZDF-Beitrag „Die Bilder der Katastrophe“ im heute-journal vom 12. März 2011 am Ende der Sendung.

Dieser „Beitrag“ zeigt eine „Kollage“ von Bildern der Katastrophen in Japan in einer Art „Best-of“-Rückschau und ist mit „Lounge-Musik“ unterlegt.

Diese Art der Darstellung ist geschmacklos, schockierend und verstörend.

Ich bin fassungslos ob dieser Darstellung und protestiere entschieden gegen diese Art von Infotainment der angeblichen „Top-Nachrichten-Sendung“ des ZDF.

Die verantwortlichen Redakteure sowie die Sendeleitung und die Chefredaktion wissen offensichtlich nicht mehr, was ihr Programmauftrag bedeutet.

Ganz sicher ist es nicht einfach, angesichts der sich überschlagenden Meldungen immer eine faktenorientierte, verlässliche Berichterstattung anzubieten.

Ganz sicher werden aufgrund fehlender Informationen und der Situation vor Ort Fehler gemacht, die im Anschluss hoffentlich verbessert werden.

Aber ein solches „Unterhaltungsvideo“ zu produzieren entwürdigt alle Opfer des Tsunamis und der Folgekatastrophen in Japan.

Das ZDF darf als seriöse öffentlich-rechtliche Anstalt einfach nicht auf dieses Niveau sinken und eine der vermutlich größten Katastrophen der Menschheit mit einem solchen Beitrag auf das Niveau eines Videoclips herunterziehen.

Abgesehen davon werden hier in unzulässigerweise „nachrichtliche Bilder“ mit einer „Stimmungsmusik“ gemischt und sind damit ein „kommentierendes Element“. Allerdings ohne Nennung einer Person, der man den Kommentar als Meinungsbeitrag zuordnen kann.

Es mag sein, dass die allgemeine Entwicklung der Medien unkontrolliert voranschreitet und alles irgendwie – gerade auch angesichts einer Atomkatastrophe – miteinander verschmilzt.

Das ZDF ist aber in der sehr glücklichen Lage, sich, ohne einem Marktzwang zu unterliegen, einem aufrechten und unabhängigen Journalismus widmen zu können.

Man muss von den Verantwortlichen erwarten können, dass diese aus dieser katastrophalen Fehlleistung Konsequenzen ziehen und sicherstellen, dass solche redaktionellen Verfehlungen unterbunden werden.

Mit freundlichen Grüßen

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  • Diesen Brief unterschreibe ich gerne mit

  • Ja.

  • Mett

    Den Brief kann ich so nicht unterschreiben, weil ich schlichtweg nicht weiß, was ich von dem Video halten soll. Die Argumentation von Prothmann überzeugt mich aber auch nicht. Das Video hätte überhaupt keine musikalische Untermalung gebraucht, da stimme ich zu. Ganz in der Tradition der kommentarlosen Berichterstattung. Ich weiß ehrlich gesagt überhaupt nicht, ob es nötig ist, deswegen so ein Fass aufzumachen. Man könnte schon bei dem Betroffenheitsgetue Slomkas anfangen. Denn ihr Job ist es nicht, mir was vorzuheulen, sondern mich zu informieren. Nicht mehr und nicht weniger und sie braucht sich nicht auf die Art und Weise inzenieren sondern hat journalistische Distanz zu wahren.

    Welchen Zweck verfolgt das ZDF mit diesem Video? Wollen sie einem wie eine Organisation etwas „verkaufen“ und um Spenden bitten? Wollen sie Werbung für sich machen und eigene Fernsehlose verkaufen (die sie nicht haben)? Das wollen sie meines Erachtens nicht. Also nochmal die Frage, ob es unter diesen Annahmen nötig ist, so ein Fass aufzumachen. Ich denke eigentlich nicht. Ich nehme eher an, dass die Leute dort unter dem starken Einfluss der Bilder standen (und stehen) und daher zu viel Pathos in die Berichterstattung eingebracht haben. Der eigentlich nicht verlangt ist.

    • oli

      @Mett on 14. März 2011 at 08:03 „Welchen Zweck verfolgt das ZDF mit diesem Video?“

      Wenn nicht atomstaatsraisongerechtes nuclear mainstreaming, vielleicht: Befriedigung eines vermuteten Bedürfnisses „hilflos-verstörter Zuschauer“ nach Entlastung durch Trauer“arbeit“? Ein Bußsakrament für die Fernsehgemeinde? Sorry, mir fallen keine Begriffe ohne zynischen Anklang ein. Eventuell hält man aber die „Menschen im Lande“ wirklich für unfähig, die „schockierende Realität“ ungefiltert zur Kenntnis zu nehmen. Verabreicht placebo fürs emotionale Gleichgewicht – Samstag abend, kurz vorm Schlafengehen…
      Zuviel „Pathos in die Berichterstattung“ war wohl aber eher weniger das Problem: vielmehr der Zuschnitt der Bilder(folgen) auf den soundtrack. Ob sowas -ohne ekle Dramatisierung- überhaut gelingen konnte, sei dahingestellt – hier ist es nach verbreiteter Meinung gründlich missraten. Andere wieder störts nicht, also könnte man es als Stilfrage ansehen. Und auch die gern gescholtenen „Prolls“ mit Privatsendern auf den einstelligen FB-Tasten sind Gebührenzahler, die Anspruch auf „Programm nach Geschmack“ haben. „Entgleisung“ ist evtl die falsche Kategorie: Glatteis hat sowenig Schienen wie Wasser Balken.

  • Auch n24 hat sich eine solche Entgleisung geleistet: Eine Zusammenfassung der bedrückenden Bilder aus Japan, die aus journalistischer Sicht durchaus zu rechtfertigen war, ist von Musik à la Abenteuerfilm unterlegt gesendet worden. Und all das steht in einer Reihe mit Verbalausrutschern über beispielsweise Atomgegner, die heimlich über Katastrophen jubeln oder dümmlichen Witzen wie „Erdbeben, Tsunami, AKW – und Godzilla?“.

  • Gerald Steinmetz

    Unmöglich, sich der Eindrücklichkeit der Bilder, die uns wieder und wieder aus der Katastrophenregion in Japan erreichen, zu entziehen. Unmöglich, die Verheerung zu ermessen, ohne Entsetzen zu fühlen. Unmöglich, nicht von Betroffenheit ergriffen zu werden, im Angesicht der Not der Überlebenden, die uns in den Medien vermittelt wird. Unmöglich, zu glauben, dass Fernsehredakteure meinen die Bilder taugen, mit Musik unterlegt, zum Videoclip.
    Es erinnert mich an die schaurige Untermalung der Bilder zu 9/11 mit dem Remix aus dem Titel „Only Time“ von Enya und den Stimmen der Reporter. Ich fand es damals schaurig. Der Mix wurde zur Hymne, der Musiktitel erklomm die Hitparaden und mit den Bildern hinterlegt, quälte er uns wieder und wieder im Fernsehen. Auch, wenn aus der Vermarktung des Titels Spendengelder an die Hinterbliebenen der Opfer geflossen sind, wurde damit letztlich der reale Schrecken kommerziell ausgebeutet. Wollen die, die heute solche Stilmittel nutzen den Effekt wiederholen?
    Brauchen wir sentimentalen Horror? Glauben diese Menschen, mir müsse, wie in melodramatischen Filmen, mit Musikuntermahlung die rechte Stimmung beigebracht werden? Dann werden der wirkliche Schrecken zum Kitsch und die reale Katastrophe zur kommerziellen Unterhaltung. Es ist mir ein Zeichen tiefster Geschmacklosigkeit, wenn das Leid in Japan zum Effekt herabgewürdigt wird.
    Die Sprach- und Ratlosigkeit zeigen sich in den endlos wiederholten selben Bilderfolgen. Dies ist nicht gut, es ist aber verständlich. In der Sprachlosigkeit wünsche ich mir Stille statt Sentimentalität. Wenn nichts mehr zu sagen ist, ist Schweigen ein Zeichen von Weißheit, auch wenn Schweigen allein keine Weißheit ist.

  • pro
  • Stephanie

    Ich fand den „Clip“ auch geschmacklos und schwer erträglich vom staatlichen Fernsehen kommend. Volle Zustimmung meinerseits dafür! Vor allem durch die Aktualität des Ganzen wirkte das „worst of“ imo unpassend und pietätlos gegenüber den Betroffenen der Katastrophe, sowie verdummend gegenüber dem Zuschauer (Los, an dieser Stelle betroffen fühlen! Wir geben mal musikalische Hilfestellung weil wir euch das allein nicht zutrauen!).

    Heutzutage muß man ja bei Jahresrückblicken etc. auch bei den Öffentlich-Rechtlichen mit derartig triefender Emotionalisierung rechnen – aber im Rahmen von aktuellen Nachrichten? Danke, nein. Sonst kann ich gleich RTL2 kucken…

    ABER – die unterlegte Musik kann weder etwas für ihre Verwendung (die verantwortliche Band gilt übrigens als recht medienkritisch) noch hilft es Ihren Argumenten sie mal eben willkürlich fehlzudeklarieren als „Easy Listening“. Oder mit fast zwangsweise zu Fehlinterpretationen führenden Beschreibungen wie „Bumm, bumm, bumm, unterlegen die Beats von Massive Attack die Zusammenfassung und das AKW explodiert zu Anfang und zu Ende des Beitrags“ zu arbeiten. Bumm, bumm, bumm assoziiert hohe BPM (beats per minute) und wummernde Discohits, die eine unterlegte Explosion geradezu verhöhnen würden – das echte „bumm, bumm, bumm“ im Stück sind hingegen eher dezente Herztöne, nicht schneller, lauter Krawall. Das gesamte Stück an sich ist sehr „low key“ und leise. Hätten Sie einen stattdessen unterlegten „passenden“ (in den Hirnen der ZDF-Kreativen) Mozart oder Bach auch so beschrieben? Wohl kaum… obwohl ebenso unpassend.

    Warum das künstliche Schlechter- und Seichtermachen des mißhandelten Stücks? Damit der Impact der Geschmacklosigkeit größer wird? Das hätte fast schon etwas ZDF-artiges! Und etwas ebenso emotional Manipulatives….

    • pro

      Hallo Stephanie,

      Massive Attack ist vollkommen außen vor, was die Kritik angeht. Die Musik wurde ge- und benutzt. Keine Frage.

      Bei Bumm, bumm, bumm habe ich auch gezögert, weil ich das nicht mit „Heavy-Beats“ in Verbindung bringen wollte. Mir ist nichts besseres eingefallen. Und ich dachte, wenn jemand den Film schaut, merkt er, dass „Bumm“ ein Herzton und „Speed-Ton“ ist.

      Gruß
      Hardy Prothmann