Dienstag, 23. Oktober 2018

Bedrückende Bildersoße: ZDF legt „Klangteppich“ unter „Katastropen-Kollage“

Guten Tag!

Heddesheim/Mainz, 14. März 2011. Im ZDF-heutejournal vom 12. März 2011 zeigt die Redaktion einen „Beitrag“, der Bilder der Katastrophe in Japan aneinanderreiht – die Redaktion unterlegt diese „Katastrophen-Kollage“ mit „Easy-Listening-Musik“ von „Massive Attack“. Wenn öffentlich-rechtlicher Journalismus so weit geht, ist er am Ende seiner Möglichkeiten angekommen.

Von Hardy Prothmann

Samstagabend, 12. März 2011, Heinz Wolf liest die Kurznachrichten und die Lotto-Zahlen vor.

Am Ende einer fast einstündigen Sendung (52:45) sagt Marietta Slomka:

„Und zum Schluss dieser Sendung kehren wir natürlich nochmals nach Japan zurück. Dort beginnt bereits ein neuer Tag und es steht zu befürchten dass dieser neue Tag den Menschen in Japan weitere Schrecken bringen wird.

Im schlimmsten Fall eine Atomkatastrophe mit noch unabsehbaren Folgen. Man kann nur hoffen und beten, dass das verhindert werden kann. Auch so ist diese Nation schon geschlagen genug. Nach diesem Erdbeben, dem stärksten, das je in Japan gemessen wurde. Die Bilder dieser Katastrophe, die um die Welt gegangen sind, haben wir jetzt nochmal zusammengefasst.“

Regiegeführte Betroffenheit: Gleich folgt die "Zusammenfassung der Bilder der Katastrophe". Quelle: ZDF

Was folgt, ist eine „Katastrophen-Kollage“ mit Bildern der Zerstörung, mit fassungslosen Menschen.

Nicht besonders gut geschnitten, nicht besonders gut ausgewählt.

Einfach zusammengeklatscht.

Unter die Bildersoße rührt das ZDF noch eine „Easy-Listening-Musik“ einer Gruppe, die „Massive Attack“ heißt.

Vielleicht fand das im Sender sogar jemand „genial“ und hat sich damit für „höhere Weihen“ empfohlen.

Die Kollage beginnt mit den Explosionsbildern des AKW Fukushima und endet auch mit diesen Bildern.

Das nennt man als journalistische „Technik“ eine „Klammer“. Wie schön, wenn die auch „beklemmend“ sein darf.

Einen „Beitrag“ am Ende einer Sendung nennt man „Abbinder“ – wie schön, dass man selbst zwar niemanden verbinden muss, dafür aber abbinden darf.

"Bumm, bumm, bumm", unterlegen die Beats von "Massive Attack" die "Zusammenfassung" und das AKW explodiert zu Anfang und zu Ende des "Beitrags". Quelle: ZDF

Danach wird wieder Marietta Slomka eingeblendet. Ihr Blick ist nach unten gerichtet. Sie zögert kurz, schlägt die Augen auf, atmet. Und ist dann wieder gefasst, eben „Profi“:

„Soweit erstmal das heute-journal. Wir werden Sie über die aktuelle Entwicklung in Japan weiterhin auf dem laufenden halten.“

Kurz darauf zeigt sie so etwas wie ein zuversichtliches Lächeln: Bedrückend. Aber später geht es weiter, mit dem laufenden.

Ich bin auf diese Sendung durch Michael Oetting aufmerksam geworden. Der hat direkt im Anschluss einen Tweet geschrieben:

ZDF zeigt Katastrophenbilder aus Japan mit Musik hinterlegt? Ein Katastrophenmusikvideo? Was kommt demnächst? Popcorn beim Verkehrsunfall?! Sat Mar 12 22:39:40 2011

Von dem Tweet habe ich CARTA erfahren:

Darf man die Bilder der Katastrophe in Japan ästhetisierend zusammenschneiden? -€˜Geschmacklos-€™ und -€˜schockierend-€™, urteilt Martin Oetting.

Und darüber bin ich sehr froh.

Nicht darüber, dass ich diese erbärmlich zusammengeflickte Kollage-  sehen musste, sondern darüber, dass ich sehen konnte, was mir sonst verborgen geblieben wäre: Der Abgrund einer journalistischen Fehlleistung, die dem „Niveau“ von RTL2 oder irgendeinem anderen Verdummungskanal entspricht.

Ausgestrahlt in der „Top-Nachrichten-Sendung“ des ZDF. Anmoderiert von einer der „Top-Moderatorinnen“, die mit keiner Wimper zuckt, sondern sich über die Regie noch „betroffen“ in Szene setzen lässt.

Die Kollage der Katastrophenbilder im ZDF hat mich nicht „geschockt“ – aber ebenso fassungslos wie Martin Oetting gemacht.

Wer oder was zwingt das ZDF und das heute-journal zu solch einem Beitrag? Die Quote? Die Experimentierlust? Sollen hier neue „Spielformen“ des Fernsehjournalismus ausprobiert werden?

Was wird uns über das gebührenfinanzierte Fernsehen demnächst geboten? Etwa:

Die (eindrucksvollsten) Bilder dieser Katastrophe Kämpfe, die um die Welt gegangen sind besten Szenen, haben wir jetzt nochmal zusammengefasst exklusiv sehr beeindruckend. Wir hoffen, Ihnen gefällt die Musik zur Stimmung dieser geilen erschütternden Bilder.

Michael Oetting, denn ich nicht kenne, hat im Anschluss einen Brief an das ZDF geschrieben.

Klicken Sie für eine größere Darstellung.

Das werde ich auch tun. Hier ist der Entwurf und ich würde mich freuen, wenn möglichst viele zusammen mit mir diesen Brief unterschreiben, als eine Art „bürgerschaftlicher Hilfe“, um solche redaktionelle Katastrophen in Zukunft zu verhindern.

An
ZDF-heutejournal, Herrn Claus Kleber
ZDF-Chefredaktion
ZDF-Intendanz
ZDF-Fernsehrat

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich richte eine Programmbeschwerde gegen den ZDF-Beitrag „Die Bilder der Katastrophe“ im heute-journal vom 12. März 2011 am Ende der Sendung.

Dieser „Beitrag“ zeigt eine „Kollage“ von Bildern der Katastrophen in Japan in einer Art „Best-of“-Rückschau und ist mit „Lounge-Musik“ unterlegt.

Diese Art der Darstellung ist geschmacklos, schockierend und verstörend.

Ich bin fassungslos ob dieser Darstellung und protestiere entschieden gegen diese Art von Infotainment der angeblichen „Top-Nachrichten-Sendung“ des ZDF.

Die verantwortlichen Redakteure sowie die Sendeleitung und die Chefredaktion wissen offensichtlich nicht mehr, was ihr Programmauftrag bedeutet.

Ganz sicher ist es nicht einfach, angesichts der sich überschlagenden Meldungen immer eine faktenorientierte, verlässliche Berichterstattung anzubieten.

Ganz sicher werden aufgrund fehlender Informationen und der Situation vor Ort Fehler gemacht, die im Anschluss hoffentlich verbessert werden.

Aber ein solches „Unterhaltungsvideo“ zu produzieren entwürdigt alle Opfer des Tsunamis und der Folgekatastrophen in Japan.

Das ZDF darf als seriöse öffentlich-rechtliche Anstalt einfach nicht auf dieses Niveau sinken und eine der vermutlich größten Katastrophen der Menschheit mit einem solchen Beitrag auf das Niveau eines Videoclips herunterziehen.

Abgesehen davon werden hier in unzulässigerweise „nachrichtliche Bilder“ mit einer „Stimmungsmusik“ gemischt und sind damit ein „kommentierendes Element“. Allerdings ohne Nennung einer Person, der man den Kommentar als Meinungsbeitrag zuordnen kann.

Es mag sein, dass die allgemeine Entwicklung der Medien unkontrolliert voranschreitet und alles irgendwie – gerade auch angesichts einer Atomkatastrophe – miteinander verschmilzt.

Das ZDF ist aber in der sehr glücklichen Lage, sich, ohne einem Marktzwang zu unterliegen, einem aufrechten und unabhängigen Journalismus widmen zu können.

Man muss von den Verantwortlichen erwarten können, dass diese aus dieser katastrophalen Fehlleistung Konsequenzen ziehen und sicherstellen, dass solche redaktionellen Verfehlungen unterbunden werden.

Mit freundlichen Grüßen

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