Sonntag, 24. September 2017

„Allah gut“ – Integrationserfahrungen eines Deutschen als Fremder im Aus- und Inland

Von Hardy Prothmann

Ich bin in Ludwigshafen am Rhein geboren und in der Pfalz aufgewachsen. Schon in meiner Jugend wurde ich immer wieder als Fremder betrachtet. Einerseits, weil meine Eltern alle drei, vier Jahre umgezogen sind und ich mich als junger Mensch immer wieder auf neue Wohnorte und Menschen einstellen musste.

Andererseits musste ich leidvoll erfahren, wie wichtig es ist, die Landessprache zu sprechen und wie sehr man ohne diese Kenntnis teils massiv diskrimiert wird. Sprache lernt man zunächst zu Hause in der Familie. Meine Eltern sind norddeutscher Herkunft und sprechen hochdeutsch, so auch ich.

Der gr√∂√üte Teil meines Umfelds sprach aber, wenn, dann nur gebrochen Hochdeutsch oder zumindest seltsam k√ľnstlich klingend, ansonsten war die offizielle Kommunikationssprache Pf√§lzisch. Es gibt kein „Hochpf√§lzisch“, sondern unterschiedliche Sprachformen dieses Dialekts, die teils von Dorf zu Dorf in Distanzen von wenigen Kilometern stark variieren. Jeder, der die spezifische Dialektform nicht beherrscht, enttarnt sich sofort als „Ausw√§rtiger“, auf pf√§lzisch „Ausw√§rdischer“.

Ich war nie ein Ludwigshafener Рdenn so bezeichnen sich nur Auswärtige. Es gibt kein Ludwigshafen im Bewusstsein der Bewohner. Die sind Mundenheimer (Munnremm), Friesenheimer (Friesnem), Oggersheim (Oggerschem), Rheingönnheimer (Roigenem), Oppauer (Opaa), Edigheim (Edigum) und vor allem die Pfingstweide (Pingschtweed) usw. Die Namen in Klammern sind nicht etwa die Lateinischen Namen, sondern gelten bis heute.

Und ich kam vom Limburger Hof (Limbim). Sp√§ter war ich Hochdorf-Assenheimer, dann Frankenthaler und heute sage ich, wenn mich jemand fragt, wo ich herkomme: „Ich bin Pf√§lzer.“ Denn da bin ich geboren und aufgewachsen und das ist meine Heimat. Die Pfalz kommt zuerst und dann kommt Deutschland. Ich bin Pf√§lzer und ich bin Deutscher. Dann bin ich noch Europ√§er und irgendwann Weltb√ľrger.

Aufgrund meiner Sprache wurde ich während meiner Jugend ein paar Mal in Handgreiflichkeiten verwickelt, das heißt, ich habe meine Muttersprache verteidigt.

Ich musste mir den Spott der Einheimischen anh√∂ren, wenn es mir nicht gelang, ein Wort oder einen Satz originalpf√§lzisch wiederzugeben. Das habe ich ausgehalten und irgendwann mit Humor zu tragen gelernt. Die Pf√§lzer „kloppen“ sich gerne, sind aber ansonsten ein humoriges V√∂lkchen.

Da ich als junger Mann eine sehr dunkle Haar- und Hautfarbe hatte, wurde ich h√§ufig f√ľr einen T√ľrken oder Italiener gehalten. S√§tze wie: „Wo hast Du so gut deutsch gelernt?“, habe ich h√§ufig geh√∂rt. Damit war ich ein doppelter Ausl√§nder. Denn die Frage war nur vordergr√ľndig interessiert. Man wollte wissen, wo der T√ľrke oder Italiener diese affektierte Sprache gelernt hatte.

Als ich elf Jahre alt war, bekamen wir mal wieder Besuch von meiner Großmutter aus Hannover, die es möglichst vermied, mit der einheimischen Bevölkerung zusammenzutreffen, weil sie sich vorkam wie im Ausland. Sie verstand gelinde gesagt kein Wort.

Eines Tages ereignete sich doch ein Zusammentreffen, meine Gro√ümutter nickte der Frau, die sie angesprochen hatte immer freundlich zu. Zum Gl√ľck musste die schnell weiter. Ich √ľbersetzte danach meiner Gro√ümutter das Gesagte. Die meinte: „Eins versteh ich nicht. Die Frau sah so deutsch aus. Wieso ist die eine Muslimin?“ Ich verstand nun meine Gro√ümutter nicht: „Wie kommst Du denn auf die Idee?“, fragte ich. „Na die hat doch zwei Mal „Allah gut“ gesagt.“

Ich erkl√§rte meiner Gro√ümutter, dass „alla guud“ pf√§lzisch sei. „Alla“ komme wahrscheinlich vom franz√∂sischen „Allez“ (los gehts, also los) und „guud“ hei√üt gut. „Alla guud“ hei√üt soviel wie, alles in Ordnung, ok, also los.

Meine Gro√ümutter machte sich daraus einen Spa√ü und immer, wenn sie „alla guud“ h√∂rte, sagte oder dachte sie: „Allah ist gut und m√§chtig“.

Als Austauschsch√ľler in Paris war ich wieder ein Fremder. Obwohl ich mir ab der f√ľnften Klasse redlich M√ľhe gegeben hatte und bereits im vierten Jahr Franz√∂sisch am Gymnasium lernte, war der erste Aufenthalt ein Schock. Ich verstand bis auf die typischen Floskeln so gut wie nichts und musste feststellen, dass mich die Franzosen ansahen wie einen Marsmenschen, wenn ich ihnen mit meinem Schulfranz√∂sisch kam.

Noch heute komme ich mir manchmal wie der letzte Depp vor, wenn mich ein Franzose partout nicht verstehen will, weil ich eben hochfranz√∂sisch spreche und das mit einem deutschen Akzent. Dialekt habe ich damals nicht gelernt. Und das lassen einen viele Franzosen sp√ľren – vor allem die, die nie aus ihrem Kaff rausgekommen sind und √ľberzeugt sind, dass nur die Franzosen franz√∂sisch sprechen k√∂nnen. Wirklich erniedrigend f√ľr beide Seiten wird es, wenn gewisse Franzosen auf Englisch antworten, das sie nicht beherrschen.

Unter meinen Freunden und Bekannten sind viele, die Frankreich gegen√ľber prinzipiell freundlich eingestellt sind, aber ihre „Probleme“ mit den Franzosen haben. Ich wei√ü, was sie meinen und werbe trotzdem f√ľr dieses sch√∂ne Land mit seinen eigenartigen Menschen. Das f√§llt mir leicht, weil ich neben den unangenehmen Erfahrungen weit mehr positive gemacht habe.

Immerhin konnte ich mich schon bei der Esskultur sofort integrieren. Froschschenkel, Meeresschnecken, Weinbergschnecken oder „Kuddelsuppe“ kannte ich alles entweder aus meiner Heimat Pfalz oder durch meinen Vater, der fr√ľher mal Koch war. Auch die verschiedenen exlosionsgef√§hrlichen K√§se, die der Vater der Familie verwaltete, a√ü ich ohne Murren. Mit Tr√§nen in den Augen, wenn sich das Aroma langsam, aber gewaltig entwickelte. Aber ich kaute und verlangte mehr. Ab diesem Zeitpunkt war ich ihn den Augen des Vaters integriert, er nahm mich √ľberall hin mit und ich lernte Paris kennen.

Nach dem Abitur lebte ich ein knappes Jahr in Italien. Zuerst in Sorrent, später in Neapel. Hier kam es mir zugute, dass ich ein dunkler Typ bin. Ganz selbstverständlich wurde ich auf der Straße auf italienisch oder vielmehr napoletanisch angesprochen. Da ich mein Abitur auch in Latein abgelegt habe, lernte ich schnell italienisch.

Und da mich meine italienischen Freunde in den Gassen Neapels ihren Freunden vorstellten, war schnell klar, dass ich zur Familie geh√∂re und damit wenig Sorge haben musste, √ľberfallen zu werden. Denn Neapel ist bis heute die wahrscheinlich gef√§hrlichste Stadt Europas. Wenn man im Viertel jemanden kennt, ist das gut, wenn man im Viertel niemanden kennt, ist das nicht gut.

Aufgrund meiner pf√§lzischen Vergangenheit und meinen Erfahrungen lernte ich dann auch schnell Dialekt. Auch hier machte man sich √ľber mich lustig, aber es war w√§rmer und anerkennender. Als ich mal gegen Mitternacht mein Auto tankte und nach dem Weg fragte, sagte der Tankwart: „Ma come mai con una macchina tedesch (Wieso hast Du ein deutsches Auto)?“ und zeigte auf das Nummernschild. Diesen kurzen Satz lang f√ľhlte ich mich angenehm integriert.

Einmal war ich in einer sehr brenzligen Situation. Ich hatte den Fehler gemacht, mit einer Neapolitanerin zu flirten, deren Familie sehr traditionell, sprich sehr katholisch eingestellt war. Einer ihrer Br√ľder √ľberraschte uns beim Schmusen auf der Stra√üe, innerhalb von Minuten war die ganze Familie vor Ort und hochgradig aggressiv – zum Gl√ľck hielt der Barbesitzer, bei dem ich immer meinen Espresso trank und ein morgendliches Schw√§tzchen hielt, seine Hand √ľber mich. Er hatte einige Jahre in Deutschland gelebt, sprach ganz passabel schw√§bisch und mochte mich. Deshalb gab er mir auch den Tipp, nicht mehr durch die Stra√üen zu laufen, in denen die Familie sich bewegte. Ich hielt mich an seinen Ratschlag.

Einige Wochen sp√§ter bewahrte ich ein kleines M√§dchen mit einer schnellen Reaktion und einem beherzten Griff davor, √ľberfahren zu werden. Ab diesem Zeitpunkt konnte ich mich √ľberall im Viertel ohne das geringste Problem bewegen. Alle, wirklich alle gr√ľ√üten mich, nachdem der Vater des M√§dchens mir Tage sp√§ter seine lebenslange Dankbarkeit versichert hatte. Als ich n√§mlich wieder in besagter Bar war, bat mich der Besitzer, kurz zu warten. Er telefonierte, einige Minuten sp√§ter tauchte dieser Mann auf, sch√ľttelte mir die Hand, redete kurz mit mir, wollte wissen, wie ich hei√üe und woher ich komme und ging wieder. Wenn er mir helfen k√∂nne, solle ich mich melden. Ich habe sp√§ter erfahren, wer der Mann war. Sein Name tut nichts zur Sache. Er war der Clan-Chef der Camorra in diesem Viertel und damit war ich sicherer, als w√§re ich mit Polizeischutz unterwegs gewesen. Ab diesem Zeitpunkt war ich dort integriert.

Zum Studium zog ich nach Mannheim – sowas wie die erweiterte Pfalz, n√§mlich die Hauptstadt der Kurpfalz. Eine weltoffene Stadt, durch Zuwanderung gepr√§gt und politisch linksliberal. Die zugezogenen Hugenotten hatten hier fr√ľher sogar Wahlrecht und konnten politisch mitwirken. Joy Flemming machte die Stadt mit ihrem Neckarbr√ľcken-Blues bekannt, sp√§testens seit der farbige S√§nger Xavier Naidoo und seine S√∂hne Mannheims Stars sind, kennt jeder in Deutschland die Stadt. Dialektkenntnisse sind auch hier von gro√üem Vorteil.

Ich wohnte im Jungbusch, einem Viertel, das damals schon Klein-Anatolien genannt wurde und heute mit Sicherheit fest in t√ľrkischer Hand ist. Im Hinterhaus zu meinem Wohnhaus wohnte eine 14-k√∂pfige t√ľrkische Familie. Jedes Wochenende zog der Geruch von gebratenem Lamm, manchmal auch Hammel durch den Hof (Lamm und Hammel sind ein strengriechender Unterschied).

Bereits Anfang der 90-er Jahre wurde in Mannheim √ľber Integrations- und Sprachkurse diskutiert – passiert ist seither nicht nur wenig, sondern nichts. Obwohl es einen sehr agilen Ausl√§nderbeauftragten gab.

Von den Stadtr√§ten lie√ü sich hier kaum jemand blicken – eine der wenigen Ausnahmen war der heutige Oberb√ľrgermeister Dr. Peter Kurz (SPD). Ein sehr engagierter Mann damals und wahrscheinlich auch heute. Die H4-Wache (Mannheims Innenstadt hat keine Stra√üennamen, sondern ist in Quadrate aufgeteilt) hat hier den Ruf, den die Davidwache in Hamburg hat. Brennpunkt, hartes Leben, harte Bullen.

1994 wurde hier die damals größte Moschee Deutschlands gebaut. Die deutschen Anwohner sorgten sich vor allem darum, ob das Minarett, was keines ist, höher als der Turm der benachbarten Kirche werden könnte. Bis zur Fertigstellung der Moschee beteten die gläubigen Muslime in heruntergekommenen Hinterhofgebäuden.

Einige Zeit sp√§ter machte der Spiegel eine Geschichte √ľber Mannheim und seine Moschee und die Vermutung, dass die „Grauen W√∂lfe“ hier eine ihrer Hochburgen haben k√∂nnten.

Heute existiert hier eine Parallelgesellschaft, es gibt islamische Banken, die bekannten Gem√ľsel√§den, Technikshops, Fris√∂re, Gold- und Teppichh√§ndler, die obligatorischen D√∂nerl√§den und Rechtsanwaltskanzleien – alles ist t√ľrkisch. Fast alles. Es gibt hier auch Italiener. Der Killer des Mafia-J√§gers Falcone wurde hier geparkt. Die Mafia sitzt fest in Mannheim. Zur Erinnerung. Italiener sind die Nachfahren der R√∂mer. In Rom sitzt der Papst, der ein Deutscher ist und die Italiener sind strenggl√§ubige Katholiken. Der Ehrenmord und die Blutfehde sind fester Bestandteil der s√ľditalienischen Kultur.

In Mannheim gibt es auch jugoslawische Stra√üen und eine kleine spanische Ecke. Die T√ľrken dominieren aber. Viele Deutsche holen hier ihren D√∂ner und kaufen ihre Gem√ľse. Dass Deutsche und T√ľrken zusammenstehen und miteinander sprechen, sieht man so gut wie nie. Ich bin mit einigen T√ľrken befreundet. Alle sprechen sehr gut deutsch, viele sind in der Gastronomie t√§tig, einige haben studiert, alle sind sehr gepflegt, haben sehr gute Umgangsformen und sprechen meist noch gut Englisch und haben oft schon viel von der Welt gesehen. Und die meisten von ihnen haben zwar einen t√ľrkischen Pass, sind aber Kurden. Ein Volk, dass innerhalb der T√ľrkei verfolgt wird, im Irak eine Minderheit und √ľber die ganze Welt verstreut ist und aus der Not heraus gelernt hat, sich schnell zu integieren.

Der Unterschied zwischen ihnen und den anderen T√ľrken ist: Sie sind die Minderheit der Minderheit und obwohl politisch T√ľrken, eben doch keine. Sie sind zu wenige, um eine Parallelgesellschaft zu bilden, aber doch so viele, um sich gut zu vernetzen. Au√üerdem sind sie besser gebildet und denken und handeln elit√§rer.

Im Jahr 2005 bin ich ins nordbadische Heddesheim gezogen, eine kleine Gemeinde mit 11.500 Einwohnern. Innerhalb der vergangenen 30 Jahre hat sich die Einwohnerzahl verdoppelt. Das hei√üt, die „Einheimischen“ sind langsam aber sicher in der Minderheit. Diese Einheimischen haben aber noch die Macht im Ort. Das Netzwerk ist eng gekn√ľpft, man kennt sich, man sorgt f√ľreinander.

Obwohl die Einheimischen gut gerechnet nur noch die H√§lfte der Einwohner stellen, werden alle, die nicht hier geboren sind als „Noigeblaggde“ bezeichnet. Frei √ľbersetzt „Reingesetzte“. Die Ureinwohner nennen sich Hellesemer, wer drei√üig Jahre hier wohnt, darf sich Heddesemer nennen, wer f√ľnfzehn Jahre auf dem Buckel hat ist Heddesheimer, alles drunter ist „noigeblaggd“. Und das ist auch der Perspektive derer, die √ľber „Integration“ entscheiden zu glauben k√∂nnen, durchaus ver√§chtlich gemeint.

Als Fremder in diesem Ort, der f√ľr seine Familienfreundlichkeit und seinen Freizeitwert wirbt, habe ich schnell Karriere gemacht. Im f√ľnften Jahr meines Zuzugs bin ich zum Gemeinderat gew√§hlt worden. Ebenso andere Zugezogene. Wir „Noigeblaggde“ haben Hellesemern oder Heddesemern Stimmen und Sitze abgenommen und daf√ľr erhalten wir Verachtung und Aggressionen derer, die sich f√ľr die besseren Heddesheimer halten.

Weil ich mich als Journalist in diesen Ort einbringe, das Tagesgeschehen thematisiere und kommentiere, wurde mir im September 2009 ein Nagelbrett vor einen Reifen meines Autos gelegt. Ich wurde k√∂rperlich angegangen, n√§chtliche Anrufe mit einem zischenden „Arschloch“ geh√∂ren zu meiner Integrationserfahrung in diesem so anst√§ndigen √Ėrtchen.

Ich beherrsche die deutsche Sprache schon allein aus beruflichen Gr√ľnden besser als die meisten hier, ich bin im weitesten Sinne (Kurpfalz) eigentlich ein Einheimischer, Sitten und Gebr√§uche, das politische und wirtschaftliche System ist mir bekannt und ich bin mit der Enkelin eines fr√ľheren Gemeinderats, „Menze-Seppl“ genannt, verheiratet. Ich kann damit sehr viele positive integrative Eigenschaften vorweisen – nur eine nicht: Ich bin hier nicht geboren.

In Heddesheim muss der katholische Pfarrer seinen Job aufgeben, weil er gegen seit Jahren in einer Beziehung lebt und damit gegen den Z√∂libat verst√∂√üt. Alles sind betroffen, viele w√ľrden gerne ihren Pfarrer behalten, aber alle f√ľgen sich der Entscheidung der katholischen Kirche.

Die evangelische Kirche hat gigantische Schulden angehäuft.

Und der gemeindliche Sozialarbeiter arbeitet alleine mit Kindern, die √ľberwiegend einen Migrationshintergrund haben.

Die Menschen hier integrieren nicht, sondern sie nehmen hin. Alle sprechen deutsch, die meisten sind deutsch. Die Kultur ist deutsch. Die Integration von was auch immer läuft nach deutschen Regeln.

Die Gr√ľnen stellen aktuell den Antrag auf eine zweite Sozialarbeiter-Stelle. Dieser Antrag wird mit ziemlicher Sicherheit scheitern. Daf√ľr sorgen Gemeinder√§te der CDU und SPD. Aus √úberzeugung, dass genug Soziales getan wird. Die FDP wird sicherlich dagegen stimmen, weil zuviel Soziales „geleistet“ wird.

Gerade hat das Rathaus eine „energetische Sanierung“ und eine neue Fassade f√ľr fast eine Million Euro erhalten. Die Ausf√ľhrung ist Pfusch und zum Ende der Arbeiten gab es einen festlichen Anlass durch den B√ľrgermeister.

Die Gemeinde unterh√§lt nat√ľrlich auch Sozialwohnungen, die sind so sch√§big, dass man sofort erkennen kann, wer dort wohnt. Insgesamt ist die Gemeinde aber wohlhabend und der Ausl√§nderanteil gering.

Die Ausländer im Dorf sind die Noigeblaggde wie ich einer bin.

Obwohl ich leicht zu integrieren wäre, bin ich mir selbst im Ausland nie so fremd vorgekommen wie hier.

Weil ich hier mit meiner Familie lebe und mit anderen Noigeblaggden eine Parallelgesellschaft zum Dorfmief aufgebaut habe, gef√§llt es mir hier. Hinzu kommt, dass es einige Ureinwohner gibt, die mit der Zeit gegangen sind und sich √ľber den Zuzug freuen und diesen als Bereicherung empfinden. Also die „Integration“ von Deutschen unter Deutschen unterst√ľtzen.

Trotzdem kostet die Auseinandersetzung mit denen, die zu glauben wissen, was es heißt, sich in Heddesheim integrieren zu können, mitunter viel Kraft.

Wenn ich nun an einfache Menschen denke, die √ľber keine gute schulische, gar akademische Ausbildung verf√ľgen, anderen Glaubens sind, andere Werte gelernt haben und an die Forderung, dass diese selbst aktiv werden m√ľssten und sonst „stramme“ Ma√ünahmen f√ľrchten m√ľssten. Ja dann, w√ľsste ich an deren Stelle nicht weiter.

Ich w√ľrde sofort den Kontakt zu denen suchen, die mir in dieser verzweifelten Lage helfen k√∂nnten. Landsleuten. Niemals einem System, das nicht meines ist, das ist nicht verstehe, das sich mir nicht verst√§ndlich macht. Ich w√ľrde in eine Parallelgesellschaft eintreten, die mir Halt gibt.

Und wenn ich es recht √ľberlege, habe ich als Journalist auch wenig wegen dieser Umst√§nde das heddesheimblog gegr√ľndet. Um ein Zeichen zu setzen. Zu zeigen, dass ich da bin und andere Noigeblaggde auch. Und dass es mehr interessante, wichtige, notwendige Dinge gibt als die, die die Ureinwohner bestimmen wollen.

Ich kann das und habe schnell viele Freunde und Sympathiesanten gefunden, weil ich zwar ein Fremder bin, aber doch als Deutscher irgendwie integriert. Und ich wurde dabei von anderen unterst√ľtzt – sonst w√§re das niemals gelungen.

Als Ausl√§nder h√§tte ich es ungleich schwerer gehabt. Als Ausl√§nder ohne Unterst√ľtzung durch das System – sei es politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich, kulturell, juristisch oder einfach nur menschlich, hat kein Ausl√§nder in keinem Land dieser Welt auch nur eine realistische Chance, sich zu integrieren.

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  • Anonymous

    Demn√§chst kommt im Schlepptau der Sarrazindebatte ganz sicher auch die n√§chste Patriotismusdiskussion. W√§re die Pfalz Teil Frankreichs, w√§re der Pf√§lzer mindestens genauso sehr Franzose wie jetzt Deutscher. W√ľrde Schleswig-Holstein zu D√§nemark geh√∂ren, w√§re ich mindestens genauso sehr D√§ne wie jetzt Deutscher. Der D√§ne ist dem Schleswig-Holsteiner kulturell (und genetisch) eh n√§her als der Bayer.Ich kann gut verstehen, warum Menschen so an ihrem Lokalen festhalten. Wo man hinschaut, √ľberall geht es (vermeintlich) bergab. Da versucht man seine kleine intakte Welt, der bisher weder Weltwirtschaft noch Klima etwas anhaben konnten, zu verteidigen. Dass es anderswo schlecht ist, liegt an den Menschen, die dort leben.F√ľr den n√§chsten Umzug empfehle ich Schleswig-Holstein. Da hat man auch vielerorts die Vorz√ľge des Dorf- und Kleinstadtlebens. Aber nachdem das ganze Land bev√∂lkerungstechnisch durch Massen an Ostfl√ľchtlingen durchgepfl√ľgt wurde, ist man deutlich offener.Gr√ľ√üe aus dem Rheinland

  • Hardy Prothmann

    Hallo Johann,werds mir merken. Und au√üerdem w√§re ich da wieder ein Fremder mit ein wenig Heimat, schlie√ülich kommt der Vater aus Rostock und ist in L√ľneburg aufgewachsen.Gru√üHardy Prothmann

  • Anonymous

    Sch√∂ner, runder Beitrag. Anschauliche, spannende Einblicke ins Leben des Autoren – und eine Botschaft. Erinnert mich ein bisschen an das Methusalix-Zitat aus Asterix: ‚ÄěIch hab nichts gegen Fremde. Einige meiner besten Freunde sind Fremde. Aber diese Fremden da sind nicht von hier.‚ÄúKommunen wie das von Ihnen geschilderte Heddesheim zeichnen sich nach meiner Einsch√§tzung oft durch die Gefahr aus, dass viele Alteingesessene Integration mit Assimilation gleichsetzen. Streitbar bleiben.