Sonntag, 24. September 2017

100 Prozent daneben

Heddesheim/Passau, 04. MĂ€rz 2011. In Passau gibt es ein neues Online-Portal. Das nennt sich Lokalnews – 100% lokal – Passau. Handelt es sich um eine weitere „kleine Klitsche“ von irgendwelchen „Spinnern“, die tatsĂ€chlich denken, sie könnten „etablierten Verlagen“ Konkurrenz machen? Wohl kaum. Klar dĂŒrfte mittlerweile sein, dass von lokalnews.de weder eine Konkurrenz fĂŒr „etablierte Verlage“ zu erwarten ist, noch Transparenz. Und 100-prozentiger-Lokaljournalismus? Naja.

Von Hardy Prothmann

Der 28-jĂ€hrige GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Lokalnews GmbH, Daniel Wildfeuer, der zurvor bei einem „Party-Portal“ tĂ€tig war, begann bereits Ende 2010 eine Promotion-Kampagne fĂŒr ein „neues lokaljournalistische Angebot“. Das legitime Ziel: Neugier erwecken.

„Alle Achtung“, dachte ich und war bass erstaunt ĂŒber so viel AgilitĂ€t. Ich bin 44 Jahre alt, fĂŒr mein Alter noch ziemlich fix, „aber so ein 28-jĂ€hriger ist vielleicht dann doch fixer“, dachte ich.

Und ich verfolge seitdem das Projekt mit großem Interesse – wie viele andere auch.

„Vielleicht“, dachte ich, „kann ich hier noch was lernen“. Mittlerweile weiß ich, dass das nicht der Fall ist.

Der „Fall“ ist schnell beschrieben: Junger Unternehmer klaubt sich „Ideen“ zusammen, redet von „MEINER“ Idee, sucht Investor, findet den, erzĂ€hlt eine Geschichte und fliegt damit schnell, also innerhalb weniger Tage auf die zuvor ĂŒber Wochen aufgerissene vollmundige Schnauze.

Das nÀchste Kapitel ist vielleicht noch offen, vermutlich aber nicht.

Die Geschichte von „lokalnews.de“ dauert als Lesestoff fĂŒr diesen Artikel vielleicht zehn Minuten – die Zukunft von lokalnews.de wird davon abhĂ€ngig sein, wie viel Geld die „Investoren“ noch nachschießen oder davon, wie viele Fehler sich das „unabhĂ€ngige neue Medium“ sich noch leistet. Oder einer Mischung aus beidem.

Weitab von Passau und ĂŒbers Internet doch nah verbunden, erzĂ€hle ich mit dieser Dokumentation den Aufstieg einer vermeintlichen „Rakete“, die meiner Meinung nach eine Mogelpackung ist und ziemlich sicher als „Rohrkrepierer“ bald Geschichte sein wird.

„Viel Spaß“ kann ich bei dieser LektĂŒre nicht wĂŒnschen – dafĂŒr ist das Thema zu ernst und die RealitĂ€t zu bitter.

Dokumentation:

Am 07. Januar 2011 erscheint auf onlinejournalismus.de ein Interview mit dem „Macher“, Daniel Wildfeuer. Darin heißt es:

Wer außer Dir macht noch mit bei 100% lokal?

Bis jetzt ist es noch eine One-Man-Show.

Und weiter:

Wie willst Du Einnahmen generieren, auf dem Online-Werbemarkt Fuß zu machen ist bekanntlich sehr schwierig -€©?

Wir wollen dabei auch auf die LokalitĂ€t setzen und den regionalen Kunden individuelle Pakete anbieten mit denen Sie ihre Zielgruppe genau erreichen können. Zu Beginn rĂŒckt jedoch die Monetarisierung in den Hintergrund. Erst wenn das Projekt lĂ€uft werden Klinken geputzt!

Bislang sind ja vor allem lokale GeschĂ€fte bei Online-Werbung noch sehr skeptisch, siehst Du da das Potenzial fĂŒr Euer Portal?

Diese Skepsis ist mir von bsmparty.de bekannt. Ich denke, das ist eine Entwicklung die sich von Jahr zu Jahr bessert und vor allen Firmen mit „jungen Chefs“ sind schon sehr aufgeschlossen gegenĂŒber Onlinewerbung.

Am 10. Januar 2011 berichtet der Mediendienst turi2.de ĂŒber lokalnews.de. Darin heißt es „Neuling „100% lokal“ will es mit der „Passauer Neuen Presse“ aufnehmen“:

"Aufnehmer-Meldung" bei turi2.de. Quelle: turi2.de

 

Im Blog zu lokalnews.de heißt es unter „Pressemeile“ bis heute:

"Soweit bekannt"? - Aha. Quelle: lokalnews.de

 

(Soweit bekannt) also.

In der Eigendarstellung von lokalnews.de heißt es bis heute:

“Wir sind ein Team aus zwei engagierten Lokalredakteuren und einem Programmierer, die in den nĂ€chsten Tagen, Wochen und Monaten zeigen wollen was wirklich wichtig ist in der Region. Welche Themen die Menschen bewegen, Passau aus den verschiedensten Blickwinkeln vorstellen und das Ganze zusammen mit Euch: Denn jeder Leser kann selbst aktiv werden und zeigen was ihm wichtig ist und ihn tagtĂ€glich bewegt.

Wir wollen neue innovative Wege beschreiten und schnell, modern, frech und tiefgrĂŒndig aus der DreiflĂŒssestadt berichten!
Wir freuen uns auf Euch!“

Am 02. MĂ€rz 2011, also eine Woche nach dem Start von lokalnews.de, berichtet der “BĂŒrgerblick-€ von Hubert Denk in Passau: “Tarnkappenbomber gegen freie Presse“:

„Divide et impera“, wie der Lateiner sagt, ,,Teile und herrsche“, dieses Prinzip antiker Machthaber betreibt die Verlegerfamilie Diekmann („Passauer Neue Presse“ bis „Wochenblatt“) offensichtlich mit Hingabe. Erst splitteten sie das Verlagsgebiet in viele kleine Gesellschaften auf, um den Einfluss der Arbeitnehmer zu schwĂ€chen. Nun werden Tarnkappen-GmbHs gegrĂŒndet, um Graswurzelbewegungen der freien Presse in ihrem Monopolgebiet zu unterwandern und zu ersticken.

Im Laufe desselben Tages gibt es auf der Facebook-Seite von lokalnews.de eine RĂŒckfrage zu dem Bericht. Eine der Antworten lautet, dass Daniel Wildfeuer „volle Freiheit wollte“ und „nur“ der „Wochenblattverlag“ diese „zusichern konnte“:

"Keine bewusste Verschleierung". Quelle: Facebook-Seite von lokalnews.de

 

Bereits am 24. Februar beschwert sich jemand bei Facebook ĂŒber die „Eigenwerbung“ von lokalnews.de:

Ein Blindtext also. Ein „Versehen“, könnte man immer noch „freundlich“ annehmen.

Am 18. Februar 2011 erscheint eine „Eigenanzeige“ von lokalnews.de:

Hehrer Anspruch, der sich noch beweisen muss. Quelle: lokalnews.de

 

Am 01. MĂ€rz 2011 erscheint ein Interview mit der Passauer Professorin Barbara Zehnpfenning. DarĂŒber steht:

„verfasst von Laura Lugbauer am 01.03.2011 10:46 Uhr“

Am 02. MĂ€rz 2011 kommentiert jemand das Interview und kurz darauf reagiert Herr Wildfeuer:

Berichte, Kommentare, Korrekturen bei lokalnews.de. Montage: pushthebutton.de. Quelle: lokalnews.de

Wer Steffen Becker ist, wird nicht erklĂ€rt. (Herr Becker ist Pressesprecher der UniversitĂ€t Passau.) Einen Link auf das Original-Interview gibt es im Bericht nicht – auch nicht nach der „ausfĂŒhrlicheren Darlegung“.

Herr Wildfeuer erklÀrte im Interview mit onlinejournalismus.de am 07. Januar 2011:

Wird 100% Lokal wenn es sich anbietet auch mal auf Artikel der „PNP“ verlinken?

Unser oberstes Ziel ist es unseren Leser lokal bestens zu informieren. Wo er diese Information schlußendlich konsumiert ist fĂŒr uns zweitrangig. Gute und informative BeitrĂ€ge werden von jeder Quelle verlinkt, natĂŒrlich auch von der PNP.

Man könnte meinen, dass die Unerfahrenheit und der daraus vielleicht abzuleitende Dilletantismus eines 28-jĂ€hrigen „GeschĂ€ftsfĂŒhrers“ und nicht-Journalisten fĂŒr so viele „peinliche Pannen“ verantwortlich sein könnte.

Man kann aber auch annehmen, dass ĂŒber diese „Fehler“ hinaus noch andere KrĂ€fte wirken. (Liebe Juristen, das ist keine Tatsachenbehauptung, sondern nur eine Überlegung, eine MeinungsĂ€ußerung. Einfach mal so nach dem Motto: Das wird man doch wohl denken dĂŒrfen.)

Zur Erinnerung: Am 24. Febraur 2011 startet lokalnews.de. Frisch, fröhlich und frei in Passau. Total lokal fĂŒr Passau. „Auch in Konkurrenz zum Medienimperium der Passauer Neuesten Nachrichen.“

Dass diese ĂŒber den Wochenblatt-Verlag mit 80 Prozent an lokalnews.de beteiligt sind, wird nirgendwo eigenstĂ€ndig kommuniziert, aber auch nicht „verheimlicht“, wie Daniel Wildfeuer beteuert, denn das könne man ja im „Handelsregister nachlesen“.

Auch wenn das eine seltsame Idee von „Transparenz“ ist, eine LĂŒge ist es nicht.

So ein junges Medium hat zum Start sicher alle HĂ€nde voll zu tun und sicher geht auch das eine oder andere schief – das macht es menschlich.

Am 24. Februar 2011 erscheint im Internet um 14:06 Uhr (Printausgabe nicht ĂŒberprĂŒft) auf sueddeutsche.de der Text: „Tabubruch auf Frequenz 91,6“

"Mediale Erregung" bei der SĂŒddeutschen. Quelle: sueddeutsche.de

Am 25. Februar 2011 erscheint um 09:17 Uhr auf lokalnews.de ein Bericht, der ĂŒber die Aktion des Senders in Aschaffenburg „berichtet“. Darin heißt es:

„Klar, die Aktion ist provokant. Lustig findet das nicht jeder. Trotzdem, meint Schwartz, „wird das von den Medien auch hochgekocht. Wir finden die Aktion nicht so schlimm.“

Sieht so "UnabhÀngigkeit" eines "Lokalmediums" aus? Quelle: lokalnews.de

Klasse Aktion – in Aschaffenburg „knallt“ es und die superfixe (siehe oben) Redaktion von lokalnews.de ĂŒberlegt: „Hey, wir haben doch auch ein Radio Galaxy in Passau – da fragen wir doch gleich mal nach…“

Gedacht – gemacht und flott berichtet. Und es gibt „sensationelles“ zu berichten: Man „weiß nicht, ob man das auch macht“, ist „nicht so schlimm“, schreibt lokalnews.de und ist ganz nah dran.

Und:

„Die Galaxy-Kollegen in Passau sind selbst erst durch Medienberichte auf die Aktion aufmerksam geworden. „Die 13 Lokalredaktionen arbeiten unabhĂ€ngig voneinander und eigenverantwortlich“, erklĂ€rt Hendrik Schwartz.“

Also ungefĂ€hr so „unabhĂ€ngig“ und „eigenverantwortlich“ wie lokalnews.de. Das hat schließlich Daniel Wildfeuer voller Empathie versichert (siehe oben).

Zu den Fakten: An der Radio Galaxy-Gruppe hĂ€lt die Verlagsgruppe Passau (Passauer Neueste Nachrichten, Wochenblattverlag, usw.) ĂŒber die Passauer Neue Medien Gmbh 41,6 Prozent der Anteile. GeschĂ€ftsfĂŒhrer ist Franz Wimberger.

"Klare Beteiligungen?" Quelle: NPV-Gruppe

In der Konzern-Übersicht ist die Radio Galaxy-Gruppe als „Minderheits-Beteiligung“ aufgefĂŒhrt. GeschĂ€ftsfĂŒhrer ist Franz Wimperger:

TatsĂ€chlich ist die „Minderheitsbeteiligung“ eine „Mehrheitsbeteiligung“, denn die VGP hĂ€lt die meisten Anteile. Nach ihr kommt erst der Medien-Tycoon Gunther Oschmann mit Tele Regional Hörfunkanbieter GmbH (32,23%) – das Oschmann-Imperium hĂ€lt rund 60 Radio- und Fernsehbeteiligungen sowie Anteile an Verlagen.

Verwirrend? Kann sein. Vielleicht ist das auch gewollt – mit den vielfĂ€ltigen Überkreuzbeteiligungen. Wenn Sie da nicht durchblicken, mĂŒssen Sie nicht frustriert sein. Es ist fast nicht möglich, das zu ĂŒberblicken.

Wie gut, dass sich der fixe und smarte Daniel Wildfeuer, der hoffnungsvoll-dynamische „Start-Up“-Unternehmer sich trotz all dieser „UnĂŒbersichtlichkeit“ eine „vertragliche UnabhĂ€ngigkeit“ hat zusichern lassen. Trotz 80-Prozent-„Finanzbeteiligung“, die aber inhaltlich „keine Rolle spielt“.

A propos Inhalte. Daniel Wildfeuer, der „vertraglich unabhĂ€ngige Unternehmer“ sollte sich vielleicht mal anschauen, wie sich das Unternehmen, das 80 Prozent der Anteile an „seiner Idee“ hĂ€lt, selbst darstellt:

Wie man dieses Schaubild verstehen muss, entscheidet jeder selbst. Klar ist: die VGP-Gruppe ist ein Konzern. Quelle: VGP

Und nach danach sollte Herr Wildfeuer vielleicht in sich gehen und seinen eigenen Anspruch von „UnabhĂ€ngigkeit“ und „100% lokal“ und „I love Passau“ und all der anderen „Promotion“ nochmals auf Fehler im System ĂŒberprĂŒfen.

Bei der „System-Check“-Frage, was „100% lokal“ ist, kann er gerne bei dieser Übersicht beginnen und der „Überlegung“, was an einer Entfernung von 400 Kilometern noch „lokal“ ist:

"100% lokal"? - lokalnews hat bereits am zweiten Tag des Erscheinens eine "unabhÀngige Nachricht" auf der Seite, die eigentlich 400 Kilometer entfernt stattfindet. Quelle: Google Maps

Die Antwort wird vermutlich „smart“ sein und könnte so lauten: „Es geht doch nicht um die Entfernung an sich, sondern darum, dass ein Sender fĂŒr einen Skandal gesorgt hat, der durch „die Medien“ aufgeblasen wurde. Das ist zwar „weit weg“, aber der Sender ist auch hier bei uns. Wir haben das lokalisiert und nachweisen können: die Aufregung ist unbegrĂŒndet.“

Die Nachfrage könnte so lauten: „Der Mehrheitsgesellschafter des „Skandal-Radio-Senders“, der sich selbst als „Minderheitsgesellschafter“ sieht, ist auch mit 80 Prozent „Finanzanlage“ in dem Unternehmen investiert, bei dem Sie GeschĂ€ftsfĂŒhrer sind. Sehen Sie die Ihnen „vertraglich garantierte UnabhĂ€ngigkeit „gefĂ€hrdet?

Darauf wird Herr Wildfeuer vermutlich antworten: „Wie kommen Sie denn jetzt darauf. Ganz ehrlich: Ich verstehe nicht, was Sie meinen.“

Darauf könnte man antworten: „Ganz ehrlich, Herr Wildfeuer? Ich finde 100% lokal so ziemlich 100 Prozent daneben.“

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  • David aus Soest

    Gute AufschlĂŒsslung. Danke, Hardy.

    Das schlimmste ist ja, dass sich auf Lokalnews nach wie vor kein Hinweis darauf findet, welcher Investor hinter dem Ganzen steckt. Dabei schreit die Rubrik „In eigener Sache“ nach einem deutlichen Hinweis.

    Dass sich dort bis jetzt kein Hinweis darauf findet, bedeutet fĂŒr mich nur eins: Offensichtlich ist es dem Betreiber der Seite peinlich, dass er nicht der alleinige Finanzierer ist. Vielleicht ist es ihm auch peinlich, dass er vielleicht gar nicht so unabhĂ€ngig ist, wie er gemeinhin behauptet?

    Ich muss auch dazu sagen: Es ist ja nicht schlimm, dass die Seite weitgehend fremdfinanziert wird. Ganz im Gegenteil: Es zeugt ja von Intelligenz und Weitsicht, wenn man sich rechtzeitig Gedanken darĂŒber macht, wie so ein Projekt finanziert werden kann.

    Aber im Sinne der Transparenz muss das Publikum darĂŒber informiert werden, wer das Projekt eigentlich finanziert.

  • pro

    Hallo,

    bei der Verbindung zwischen lokalnews.de und der PNP braucht man sich ĂŒber solche BlogeintrĂ€ge nicht zu wundern:
    http://blog.lokalnews.de/2011/01/12/meine-erste-printanzeige/

    Gruß
    Hardy

  • pro

    Guten Tag!

    Und der nĂ€chste „faux-pas“:
    http://www.bĂŒrgerblick.de/index.php?AID=0000026294

    Gruß
    Hardy